Erst euphorisch – dann blockiert
In meinen Ordnungs-Workshops treffe ich immer wieder auf Teilnehmer, die mir berichten, dass sie oft Dinge anpacken und sehr euphorisch sind. Was dann passiert, kennen wir wohl alle: Die Euphorie lässt nach und wir lassen in unseren Bemühungen ebenfalls nach. Oft geben wir ein Projekt auf oder lassen es endlos schleifen.
So schrieb mir eine Teilnehmerin:
“Mein Problem ist das TUN!!! Ich bin hochmotiviert für eine gewisse Zeit und dann kommt ein Ereignis, das mich wieder zum Fall bringt. Das Ereignis kann alles mögliche sein. Probleme-Stress-Lustlosigkeit. Dann kommt wieder ein Hoch und wieder der Fall usw.!?”
Was kann man tun, damit sich das nicht immer wiederholt?
Wenn wir etwas Neues beginnen, sind wir voller Hoffnung und Vorfreude, sind neugierig und gespannt. Diese Gefühle führen dazu, dass vermehrt Glückshormone ausgeschüttet werden.
Dann beginnen wir mit Elan unser Projekt – nehmen wir als Beispiel das Entrümpeln unserer Wohnung. Wir stellen uns vor, wie toll es sein wird, wenn wir den ganzen Ballast endlich los sind. Wir freuen uns auf den Platz, den wir dann endlich wieder haben, und sind ganz begeistert von der Idee, wie wohl wir und unser Besuch sich in unserer Wohnung fühlen werden.
All diese Gedanken erfüllen uns mit Euphorie und so machen wir uns an die Arbeit.
Eine allgemeingültige Regel besagt: Wer sich auf den Weg macht, wird auf Schwierigkeiten treffen.
Genau diesen Punkt sehen wir in unserer Euphorie aber nicht. Plötzlich tauchen negative Gedanken und Selbstvorwürfe auf. Wir werden plötzlich mit unserem inneren Widerstand konfrontiert, der uns von unseren Plänen abhält. Auch andere Menschen erweisen sich als Saboteure und die Umstände sind auch nicht immer günstig.
Bezogen auf unser Entrümpelungs-Beispiel:
Wenn Sie beginnen, sich mit dem Zuviel, dem Ballast, zu beschäftigen, muss das zwangsläufig negative Gefühle zutage bringen:
- Wie konnte ich nur so viel horten?
- Wer hat diesen Schrott gekauft?
- Wieder Geld rausgeworfen!
- Was bin ich nur für eine Schlampe!
- Wie konnte ich es so weit kommen lassen?
Das könnten Gedanken sein, die beim Entrümpeln auftreten. Und schon ist die ganze Euphorie dahin.
Vielleicht merken wir aber auch, dass es uns unendlich schwer fällt zu beginnen. Alles andere ist plötzlich wichtiger. Das Sofa und der TV-Film sind so verlockend – ach, mit dem Entrümpeln können wir doch auch morgen beginnen. Und schon hat der innere Widerstand uns im Griff. Wenn da noch ein Rest Euphorie war, jetzt ist er garantiert weg.
Nun versuchen wir diszipliniert an die Sache zu gehen, wenn wir schon keine Glückshormone mehr produzieren.
Wir nehmen uns ganz fest vor, nun heute mit dem Ausmisten zu beginnen.
Dann fangen die Kinder an, zu nörgeln, wohin wir ihr tolles Spielzeug gebraucht hätten (das sie seit 2 Jahren nicht vermisst hatten, weil es unter einen Spielzeug-Berg begraben war …) und der Ehemann wir geradezu hysterisch, weil seine Jeans, die mehr Löcher hat als Stoff, in der Altkleiderkiste liegt. Unsere Disziplin beginnt zu bröckeln.
Zu allen Überfluss fehlen uns Kartons, damit wir weiter machen können; außerdem kommen ein Wasserschaden und der Besuch der besten Freundin dazwischen, die sich unbedingt ausweinen muss. Euphorie weg, keine Glücksgefühle und das zarte Pflänzchen Disziplin hatte auch keine wirkliche Chance.
Falls Sie dieses Szenario kennen, machen Sie sich klar: Es ist nicht Ihre Schuld. Weder sind Sie unfähig, noch willenlos. Das einzige, was falsch ist, ist die Vorgehensweise.
Euphorie nutzen
Erfolgreiche Menschen, also die, die durchhalten, nutzen einen Trick – Sie nutzen diese momentanen Glücksgefühle für die Zukunft. Das kann auf vielerlei Weise geschehen: Sie schreiben sich auf, woraus sie sich freuen. Sie beschreiben genau, warum sie diese Aufgabe erdigen wollen.
Wenn man sich das immer wieder in Erinnerung ruft, kann man jederzeit neue Glücksgefühle produzieren, sie lebendig erhalten.
Für das Projekt “Wohnung Entrümpeln” könnte das so aussehen:
Sie machen ein Foto von einer Ecke, die Sie schon aufgeräumt haben, schreiben darauf: “Ich war ganz schön stolz, als ich das geschafft hatte” und hängen es gut sichtbar auf. Auch wenn Sie nicht bewusst hinsehen: Ihr Unterbewusstsein nimmt alles wahr, was Sie umgibt – auch diesen positiven Verstärker.
Und wer mal einen Durchhänger hat, der kann sich seine Erfolgs-Bildersammlung zur Hand nehmen und ganz bewusst neue Motivation und damit Glückshormone tanken.
Alternativ können Sie auch ein Erfolgstagebuch führen oder von Ihrem zukünftigen Erfolg träumen: Stellen Sie sich oft vor, wie Sie in Ihrem aufgeräumten, vom Ballast befreiten Wohnzimmer Gäste empfangen, die voll des Lobes sind, wie gemütlich es bei Ihnen ist. Oder: Stellen Sie sich vor, wie sie sich auf Ihrer Terrasse sonnen, nachdem Sie sie vom Gerümpel befreit haben.
Stellen Sie sich das, was Sie wünschen, so intensiv vor, dass sie sich gut dabei fühlen – auch das pusht Ihre Glückshormone.
Belohnen Sie sich regelmäßig! Wer hartnäckig an einem Projekt arbeitet, der hat Belohnungen verdient – viele kleine, die die Hindernisse auf dem Weg zum Ziel erträglich machen. Überlegen Sie sich, worüber Sie sich freuen würden, und schreiben Sie am besten eine Belohnungs-Liste, damit Sie das Belohnen nicht vergessen.
Immer wieder neue Energie tanken
Dass die Hindernisse kommen, ist ganz sicher – darauf können Sie sich verlassen. Deswegen ist es so wichtig, regelmäßig neue Energie zu tanken. Nur wer seine Batterien immer wieder auflädt, kann mit Enttäuschungen und Rückschlägen fertig werden.
Was gibt Ihnen Energie? Machen Sie eine Liste, schauen Sie sie regelmäßig an und gönnen Sie sich immer wieder kleine Energietankstellen.
Hindernisse einplanen
Wer wirklich glaubt, er können Veränderungen ohne Hindernisse erreichen, der irrt gewaltig. Jeder Veränderung kostet Energie, macht Arbeit, wird Widerstand erzeugen (bei einem selbst oder anderen). Jede Veränderung wird von widrigen Umständen boykottiert.
Wem das bewusst ist, der hat die Chance, sein Projekt, seinen Wunsch in die Tat umzusetzen. Wer sich dann noch darauf einstellt, indem er schon im Vorwege überlegt, welche Hindernisse auftreten könnten und wie er darauf reagieren könnte bzw. wie er sie vermeiden kann, dessen Wahrscheinlichkeit zu scheitern, tendiert gegen Null.
Hindernisse rauben uns Energie, denn wir müssen überlegen, neu planen. Manchmal wissen wir keine Lösung und das erzeugt Frust. Sind Sie dagegen vorbereitet, können Sie auf vorbereitete Lösungen zurückgreifen oder aus ihren Ideen neue Lösungen entwickeln.
Das spart Energie, die Sie dann für Ihre eigentliche Arbeit zur Verfügung haben.
Nehmen wir wieder unser Beispiel:
Welche Hindernisse könnten sich Ihnen in den Weg stellen? Hier einige Erfahrungen aus meinen Ordnungs-Workshops:
- Der Ballast überwältigt Sie – sie haben das Gefühl, diesen Berg niemals abtragen zu können. Sie fangen erst gar nicht an oder lassen es sein
- Sie haben die Masse unterschätzt und haben nun keine Behälter (Müllsäcke, Container etc) um all das Zeug zu entsorgen.
- Ihr Partner stellt sich quer.
- Viele Sachen, die Sie finden, belasten Sie emotional, weil schwierige Erinnerungen daran hängen.
- Sie finden einfach die Zeit nicht, anzufangen.
- Sie schaffen die Arbeit körperlich nicht.
- Sie haben keine Ahnung, wo Sie die Dinge lassen sollen, die eigentlich noch zu gebrauchen sind.
- Es fällt Ihnen schwer, sich von den Dingen zu trennen.
- Sie befürchten, niemals fertig zu werden.
Erstellen Sie eine Liste der möglichen Hindernisse und überlegen Sie, was Sie tun könnten:
- Sehen Sie niemals den Berg, sondern immer nur den nächsten Schritt.
- Planen Sie sorgfältig und bestellen Sie lieber einen Container, falls es sich lohnt. Und bestellen Sie den Container lieber eine Nummer größer!
- Besprechen Sie Ihre Ziele mit Ihrem Partner bevor Sie beginnen. Besprechen Sie ganz konkret, wie Sie mit seinen Sachen verfahren. Legen Sie das eventuell schriftlich fest – so gibt es später keinen Streit. Sie könnten sich eventuell darauf einigen, dass alle Sachen, die Ihrem Partner gehören in einem Lager eingelagert werden oder an einem anderen Ort, den Sie gemeinsam bestimmen.
- Sie könnten sich Hilfe holen – einen Menschen, dem Sie vertrauen. Ein Mensch, der Ihnen hilft, wenn es für Sie zu belastend wird.
- Setzen sie sich mit diesem Argument ernsthaft auseinander: Wie wichtig ist Ihnen das Ziel „Entrümpeln“? Wenn es Ihnen wichtig ist, dann werden Sie die Zeit finden – ganz sicher. Da gibt es so viel Zeit, die noch verfügbar ist – die Zeit, die Sie für Fernsehen nutzen oder für das Surfen im Internet. Spüren Sie diese Zeiten auf und schauen Sie ganz ehrlich hin, ob Ihr Ziel Ihnen nicht vielleicht wichtiger ist.
- Auch bei diesem Hindernis ist Hilfe von Außen die erste Wahl. Wenn Sie viel zu entrümpeln haben, das schwer zu heben/transportieren ist, suchen Sie sich jemanden, der diese Arbeit für Sie erledigt.
- Auch hier ist sorgfältige Planung gefragt: Erstellen Sie eine Liste, wo Sie Ihre Sachen loswerden können. Überlegen Sie: Gibt es ein Sozialkaufhaus oder andere soziale Einrichtungen, die sich über eine Spende von gut erhaltenen Dingen freuen würden? Haben Sie einen Wertstoffhof in der Nähe? Könnten Sie irgendwo eine Kiste mit Büchern aufstellen, aus der sich jeder eines herausnimmt, der eines möchte? Fragen Sie auch andere nach Ideen – das kann sich als sehr hilfreich erweisen. Bestimmt liefern andere Ihnen Ideen, auf die Sie selbst nicht gekommen wären.
- Wenn Sie sich schwer von Dingen trennen können, dann machen Sie kleine Schritte: Trennen Sie sich erst von Dingen, die Ihnen eher leicht fallen. Vielleicht können Sie es nicht glauben, aber man kann alles üben – auch das Weggeben. Es ist wie mit den Muskeln: Je mehr Sie üben, desto stärker wird der Muskel. Überlegen Sie auch, ob ein Helfer hier die richtige Option wäre. Dieser könnte Ihnen dann die Sachen zeigen und Sie entscheiden, ob das weg kann oder nicht. Der Trick dabei: Wenn man etwas erst in die Hand nimmt, dann entsteht eine emotionale Bindung – das kann nicht passieren, wenn Sie den Gegenstand gar nicht berühren.
- Negative Gedanken und Negativ-Prognosen sind eines der wichtigsten Hindernisse, die uns davon abhalten, unsere Ziele zu erreichen. Wenn Ihnen das genau so geht, dann sollten Sie sehr sorgsam darauf achten, wie Sie denken. Wenn Sie destruktive Tendenzen bemerken, dann setzten sie sich mit ihnen auseinander – aber in positiver Form. Statt zu grübeln kann man untersuchen, was an diesem Gedanken wirklich dran ist. Kann es sein, dass Sie nie fertig werden? Das kommt darauf an, wie Sie Ihr Ziel definiert haben. Wenn Sie festgelegt haben, dass Sie nicht 1 Stück Gerümpel mehr im Haus haben wollen, dann werden Sie in der Tat nicht fertig werden, denn: Während Sie das letzte Teil aus dem Haus schaffen, bringt Ihr Mann gerade ein scheußliches Geschenk von einem Freund mit, das keiner will – und schon haben Sie wieder Gerümpel im Haus. Wenn Sie aber festlegen: Ich will 30 Kleider aussortieren, nur noch 10 Gartenwerkzeuge behalten usw., dann werden Sie ganz sicher mit Ihrem Projekt fertig werden. Und: Fertig werden können Sie nur, wenn Sie anfangen
An diesem Beispiel sehen Sie, dass man zwar nicht alle Hindernisse in Betracht ziehen kann, aber die wichtigsten können Sie im Vorwege entschärfen und Ihre Motivation so hochhalten.
Tipp: Nehmen Sie sich 10 Minuten Zeit und schreiben Sie alle Hindernisse auf, die Ihnen einfallen. Überlegen Sie (und fragen Sie auch Freunde oder Familie), wie man diese Hindernisse überwinden könnte.
Vergessen Sie das schlechte Gewissen
Wer sich etwas vornimmt und dann doch nicht macht, den plagt häufig ein schlechtes Gewissen. Man fühlt sich undiszipliniert, willenlos – im schlimmsten Fall als Versager. Diese Gedanken sind aber der schlimmste Energieräuber überhaupt! Wer ein schlechtes Gewissen hat, der tötet auch das letzte Glückshormon – ganz sicher. Und wie wir jetzt wissen: Ohne Glückshormone wird jedes Projekt ungleich schwieriger und die Chancen, dass wir es beenden, geringer.
Werfen Sie das schlechte Gewissen über Bord und gewinnen Sie neue Energie, die Sie dringend für Ihr Projekt brauchen.
Zusammenfassung
- Nähren Sie Ihre Begeisterung immer wieder durch Vorfreude, Visualisierung des Erfolgs und Belohnungen.
- Machen Sie kleine Schritte.
- Achten Sie auf destruktive Gedanken und untersuchen Sie sie auf ihren Wahrheitsgehalt.
- Schauen Sie nicht den Berg an, sondern nur den nächsten Schritt.
- Tanken Sie immer wieder neue Energie und achten Sie darauf, dass Sie nicht ausbrennen.
Einstellungen, die Ihnen helfen können, Ihre Euphorie auf einem guten Level zu halten:
- Ich freue mich nicht nur darauf, mein Ziel zu erreichen, ich erfreue mich auch an dem Weg dahin.
- Ich bin stolz auf mich.
- Ich lasse Unterstützung durch andere zu und suche sie auch.
- Ich bin an jedem Punkt mir mir zufrieden.
- Ich sorge gut für mich und tanke immer wieder Energie.
- Ich darf auch Rückschläge erleben, ohne dass das ganze Projekt scheitert.
- Ich sehe auch die kleinen Erfolge.
Foto: © bilderbox Fotolia.com, © iStockphoto.com manwolste
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